Stadtgarten in Erfurcht

Das neue Album schien nicht unbedingt eine optimale Voraussetzung für einen unerwartet umwerfenden Abend zu sein. Und die Ankündigung des neuen Veranstaltesr, HRK und Verstärkung würden alle Hits spielen, hatte sich zwar als etwas voreilig herausgestellt, aber eine Drohung für Altfans war es ja doch auch.
Ich fuhr also voller Vorfreude, aber doch mit anderen Erwartungen als in den goldenen 80ern nach Erfurt. Früher hatte ich die Tage bis zum Konzert regelrecht runtergezählt. Ganz so euphorisch ist es heute schon deshalb nicht mehr, weil man nach 30 Jahren von keinem Künstler mehr erwarten kann, richtig genial überrascht zu werden. Deshalb also routinierte Anreise mit Erwartung eines netten Abends. Auf gar keinen Fall hatte ich erwartet, dass ich bei meinem Konzertbericht richtig in die Kiste der Superlative würde greifen müssen.

Aber von vorn.
Der Stadtgarten, in der Tat ziemlich mittig in der thüringschen Metrolpole gelegen, war bis in die letzten Reihen gefüllt mit dichtgedrängten Besuchern aller Altersschichten von 15 bis 75. Lauter Jubel, als pünktlich das Licht ausgeht, und ein symphonisches Intro startet. Die dunklen Schatten auf der Bühne nehmen ihre Plätze ein, und starten nach Abbruch des Intros mit Klängen, die denen uralter australischen Stadionrocker ähneln. O.K., es geht also mit KAMPFZONE MITTE los, wie sich ja längst rumgesprochen hat. Gute Wahl und sehr kraftvoll vorgetragen. Es macht gleich richtig Spass. Auch der zweite Song DA MÜSSEN WIR DURCH ist ein Live-Abräumer und strotzt vor Energie. Danach begrüßt Heinz die Menge mit einem fröhlichen „Ihr seid mehr geworden“. Mir fehlt der Vergleich zur letzten Tour, aber der rammelvolle Stadtgarten dürfte in der Tat kurz vor ausverkauft sein. Und nun steht die erste richtige Überraschung an. ICH GLAUB DU LIEBST MICH gehört nicht gerade zu meinen Favoriten, und wäre, hätte ich das Set zusammengestellt, garantiert durchgefallen. Zu Unrecht, die Jungs prügeln den auf dem Album so glattgebügelten Blues mit einem rauhen Charme und einem Groove durch, dass es eine wahre Freude ist. Richtig geil. Als vierten Song gibt es die eigenen Wege mit neuem Solo, bei dem Jörgs Gitarre laut genug gemischt ist, dass man sie in Suhl noch hören kann. Statt dem eigentlich erwarteten Sprechtext geht es nach einer kurzen Ansage gleich mit dem dritten neuen Stück weiter. „DER STILLE GAST“ ist auch auf dem Album klasse, davor muss man sich nicht fürchten. Zumal der Song auf der Bühne mehr Atmosphäre bekommt. Jörg leitet ihn fast unscheinbar ein und Heinz singt sehr prägnant dazu. Die Anderen fügen sich erst langsam ein. Das Keyboardsolo macht heute natürlich Matthias Ulmer. Auf dem Album war er das ja nicht. LÄNGERE TAGE nehme ich etwas unspektakulätet wahr, und als darauf SUSANNE, ES IST AUS folgt, einen Song den ich weniger mag, befürchte ich allmählich eine Durststrecke im Konzert, zumal ja auch der Akustikteil demnächst anstehen dürfte. Tatsächlich bekommt Leo für den achten Song sein Cello gereicht und nimmt Platz. Aber denkste, zusammen mit Heinz am Klavier und Matthias Ulmer intoniert er WO WAREN WIR STEHENGEBLIEBEN, eine für mich unterschätzte, und erfreulicherweise wieder ausgegrabene Kunze-Ballade. In dieser Bühnenfassung klingt sie übrigens etwas kühler und beklemmender.
Apropos beklemmend, inzwischen ist der achte Song durch, und noch kein Sprechtext ward gehört. Nun ist es soweit. Fukushima ist das Thema, und Heinz beginnt den Text, der vermutlich ABSCHALTEN heißen dürfte, mit der Beschreibung eines Disputes zwischen den Streithanseln Mensch und Natur, und gibt darin wieder, dass die Natur ja diesmal angefangen hat. Erdbeben sind schließlich nicht menschengemacht. Der Text mündet dann aber in eine Abrechnung mit der Atomkraftlobby, die an den ganz frühen HRK erinnert. Und danach gibt es den passenden Song, an den ich die letzten zwei Wochen öfter gedacht hatte, wenn ich Holger Strohms Atomgegnerbibel „Friedlich in die Katastrophe“ zur Hand nahm, um mich über Leichtwasserreaktoren zu informieren. Zuletzt 1983 hatte ich ihn live im Konzert erlebt. LAMM GOTTES in einer verschärften, bedrohlichen und ungeheuer eindringlichen Version. Und natürlich mit dem Schmankerl, an der Stelle wo der dritte Refrain einsetzen würde, diesen mit aller Wucht instrumental in die Halle zu schleudern. Ganz groß. So hätte Heinz die Nummer sicher auch damals gern gespielt, hatte aber nicht Band dafür.
No 10 brachte dann Zeit zum Verdauen. Dass nicht auf meiner Baustelle befindliche WIE MAN TANZT UND SINGT, berührte mich eher weniger, obwohl Zoran den Song mit einem großartigen Solo anreichern darf, welches schwierig zu beschreiben ist. Danach die Akustiktriologie, die diesmal glücklicherweise ohne Christopher Cross auskommt, sondern sich als Medly des neuen Albums herausstellt. Die famose SANDUHR, das etwas dröge JEDER WEIß, und eine wunderbare Version von UNBELIEBT, mit grossem Chorgesang.
Danach war wieder Zeit für eine 18 Jahre alten Fund, der die Geilheitsskala wieder durchschlug. VERRATEN UND VERKAUFT mit verlängertem Intro, etwas schleppender, und ungemein rockig. Auch hier bekam Jörgs Gitarre beim Solo wieder soviel Saft, dass er zaubern konnte. Die Nummer lebte wie noch nie. Und weiter ging es. Der zweite Sprechtext, der im weitesten Sinn mit optischen Unähnlichkeiten von Hitler und Justin Biber zu tun hatte. Dann ein Neuarrangement von BRILLE, wiederum mit einem Refrain wie Pete Townshend ihn angelegt haben könnte. Kompromisslos, wild und befreiend. Die Wirkung entfaltete sich umso kräftiger, da die Passage um „Schwalben schneiden durch die Luft“ recht psychedelisch angelegt war. Und schon folgte das nächste Highlight, bei dem Song etwas unerwartet. Aber wie klar und gewaltig dieses „ICH LIEBE DICH über die Halle hereinbrach, das war schon grosses Kino. Heinz erklärte mir hinterher, dass hätte schon auch mit dem besten Mischer zu tun, den er je hatte, aber davon abgesehen sang er wie ein junger Gott, und die Nummer rührte auch den letzten in der Halle. Danach wurde es mal für kurze Zeit seicht. Die 100.000 Rosen waren nun mal unvermeidlich. Ich brauche den Song nicht, aber dem Publikum gefiel es. Die waren voll dabei. Dann wieder ein archeologischer Fund aus dem Herz Album. DU WIRST KLEINER WENN DU WEINST dürfte auch so um die 20 Jahre keine Bühne mehr erlebt haben.
Bis hierhin ein wirklich unerwartet schönes Konzert mit vielen Überraschungen. Aber der Hammer sollte jetzt erst folgen. Ein ganz neuer Song. Komponiert und einstudiert statt der Generalprobe am letzten Freitag. Heinz hatte den Text zum Proben mitgebracht, und umgehend war er verarbeitet worde. Eine Eigendynamik wie sie nur während solcher Spontanaktionen möglich ist, wo das Resultat sich fast von selbst zusammenfügt. Heraus kam ein hymnenartiger Kracher von überwältigender Qualität. IHR FINDET KEINE INSEL handelt von dem Hinweis, das auch der letzte und gierigste geldscheffelnde Atomlobbyist am Ende mitkrepiert. Heinz schreit den Refrain förmlich raus. Ein Rockviech, ungefähr wie damals „Denn mir sind widder wer“, die Wiedervereinigungshymne von Bap. Der Song wäre nicht nur die beste Nummer des neuen Albums gewesen (egal, wie sehr man ihn glattgebügelt hätte), sondern seit der Prohibition. Mörderisch Geil.

Anschließend folgten erwartungsgemäße Songs, in teilweise weiterhin überraschenden Versionen. HERZ gab es als Medley, zusammen mit Mabel, und intoniert von einem längeren Klavierintro von Heinz. Nach stolzen 21 Titeln und rund 2 Stunden war das reguläre Set durch, und Erfurt natürlich gierig auf mehr.
Die erste Zugabe lioef wieder australisch ab. Diesmal eine ziemlich authentisch klingendes Status Quo-Cover. WHATEVER YOU WANT auf deutsch. Nicht umwerfend, aber nett. Dann LOLA.
Der zweite Block begann undefinierbar und entpuppte sich dann als MIT LEIB UND SEELE, gefolgt von ICH HABS VERSUCHT. Und plötzlich waren mitten im Song ganz viele Leute auf der Bühne. Die hatten tatsächlich auch diese endlos oft immer gleich gespielte Klavierballade aufgepeppt. Jens gab den Startschuss und das ganze Orchester brach los. Hammer.
Die dritte Zugabe „SCHAF GUT“ hätte ich jetzt nicht gebraucht, aber sie schloss ein grossartiges Konzert nun mal ab.

Das Licht war übrigens auch O.K. Schöne, prägnante Farben. Nicht gerade die Massenbeleuchtung von Pink Floyd, aber stilvoll. Der Sound mit wenigen Ausnahmen klasse, das Einfallsreichtum für das Set unerwartet hoch. Heinz erzählte zwar hinterher, man habe sehr wenig Probezeit gehabt, aber man kann es angesichts der vielen Schmankerl kaum glaubern. Es wurden ja nicht nur mal neue Intros an einen Song gebastelt, die dann nur irgendwer klimpern muss, sondern vor allem innerhalb der altbewährten Titel üppige Veränderungen vorgenommen, die die gesamte Band betrafen. Da war man schon sehr fleissig.
Dass Heinz, vor allem ab dem zweiten Drittel, häufig die dritte Gitarre beisteuerte, muss ich ja nicht extra erwähnen.

Tja, wer jetzt überlegt ob er entgegen seines Vorhabens vielleicht doch ein Konzert aufsucht, dem sei es dringend empfohlen. 2011 gefällt mir einen satten Hieb besser als 2009. Und das hatte ich so nicht erwartet.

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