Spottlight #55……Meisterwerke im Bunker

Ein paar Sachen vorweg. Das Coveralbum hatte mich bekanntlich einigermaßen verstört, und ich weiß, dass man hier im Wuki-Board von mir keine fröhlichen Werbetexte erwartet, sondern Essay-ähnlichen Klartext.
Wer nun aber vermutet, dass ich die Sahneschnitten-Tour (OT Heinz) zum Coveralbum hier durch den Wolf drehe, wird enttäuscht sein. Denn im Gegensatz zum Album mit Ansage in die Hose gegangenen Album haben wir es hier mit einer megaerfolgreichen Tour zu tun. Die Veranstaltung selbst war sicher nicht mein Wunschprogramm, aber mir geht das Herz auf angesichts der pickepackevollen Hallen mit richtig begeisterten und dankbaren Menschen.

Man muss sich das schon mal vor Augen halten. Heinz war erst im Oktober auf einer Tour in Magdeburg, die dem Album acht Monate hinterherhinkte. Und nicht einmal ein halbes Jahr später kehrt er zurück und füllt die riesige Stadthalle mit einem weiteren Programm,  das ohne organische Promotion auskam, weil das dazugehörige Album ja nun mal unter Wahrnehmungsstörungen litt. Insgesamt über 90% Auslastung in wirklich nicht kleinen Häusern. Eine Erfolgsgeschichte. Und Grund genug, nun für den Herbst eine Fortsetzung zu prüfen, zumal Westdeutschland ja ein ganz kleines bisschen zu kurz gekommen ist.  Diese Prüfung läuft gerade.

Kommen wir zum Konzert selbst. Das Programm ist ja bekannt, weshalb ich mich mit eigenen Beobachtungen beschäftige. Zwei Schwerpunkte machen die Veranstaltung für geübte HRK-Konzertgänger interessant. Die „neuen“ Songs aus dem Coveralbum, und die neuen Arrangements auch klassischer HRK-Songs durch das Streicher-Trio, vertreten mit Cello, Bratsche und Violine. Und da wäre vor allem zu erwähnen, dass wir es hier nicht mit einem 08/15-Rock meets Klassik-Alibikonzept zu tun haben, sondern mit einschneidenden Beiträgen, die die Songs wirklich verändern. Übrigens nicht alle Songs, weil man Aufwand und vor allem Probenkapazitäten dosieren musste. Zu Beginn des zweiten Teils (das Programm hat eine Pause) spielt die Band gleich fünf Songs am Stück ohne das Trio, sodass man sich fragte, ob die in der Pause verlorengegangen sind. Insgesamt sind sie bei gut der Hälfte der Songs dabei. Dann aber eben auch sehr prägnant.

Bei der Auswahl der Coversongs für die Bühne ahne ich eine Art Kompromiss. Die beiden schrägen Vertreter „Haus der Lüge“ und „Mussolini“, die in diesem Programm seltsam gewirkt hätten (auch wenn ich sie natürlich unbedingt dabeihaben wollte), wurden ausgespart. Dafür aber auch die Songs, die für Altfans den Supergau bedeutet hätten. Kein „Junge komm bald wieder“ und vor allem keine Münchner Freiheit. Hierzu habe ich mir, auch wenn das natürlich Quatsch ist, eingeredet, Heinz habe mir damit einen persönlichen Gefallen tun wollen.

So ziemlich alle der gespielten Cover-Songs gewinnen deutlich gegenüber der Studioaufnahmen, was allerdings auch zu erwarten war. Die „Lachse“ kommen mit Wucht fett und geil daher und werdeb geradezu zum Heinz-Song.  Die Ärzte-Nummer wird zur opulenten Pop-Hymne und „Berlin“ mutiert im Zugabenblock mit umgekleideter Band zum Wave-Festival. Richtig gut gemacht mit einstudierter Choreo und liebevoller Hommage an F.J.Krüger.

Opener „Blumen aus Eis“ fand ich etwas zahnlos, abgesehen davon, dass die frühem Karat weit bessere Songs gemacht haben, und die Hosen-Nummer passt meiner Meinung nach einfach nicht zu Heinz und stellt ein Mißverständnis dar. Interessant hingegen das von Heinz einsam, dann mit klassischer Unterstützung, vorgetragene „Was ich dir sagen will“ in tonnenschwerem Moll. Die Akkorde brechen aus dem Klavier wie fallende Ziegelsteine. Nicht ganz meine musikalische DNA, aber sehr eindrucksvoll. Danach , „Lisa“ in einer kammermusikalischen Version. Gewöhnungsbedürftig, aber großartig dargeboten. Und weiter ohne Band „So wie Du bis“, ungemein untensiv, nackt und gläsern.
Danach heißt es tapfer sein. Die Band kommt zurück, Heinz macht eine Ansage die er nicht so meint, und wir bekommen „Hunderttausend Rosen“ geboten, noch dazu in einer Version, die  hinter der aus der „Gunst der Stunde“-Tour noch zurückbleibt weil das Trio unfreiwillig mit in den Blumentopf gerät.

Die meisten Songs, die bereits im Oktober im Set waren, kommen natürlich ohne Neubearbeitung aus, wenn man davon absieht, dass dir Band von einer sechsten „Geheimwaffe“ (OT-Heinz) unterstützt wird, was sich vor allem in Percussion und Rhythmusgitarre auswirkt. Vor allem das großartige „Schausteller“-Intro zu „Mit Leib und Seele“ und „Die offene See“ gehören dabei zu den Highlights, „Paradies“ und „vor allem „Hallo Himmel“ schienen mir sogar etwas mehr Wall of Sound zu sein, als auf der „Deutschland“-Tour.
Während dem „Protest“-Block „Einmal noch und immer wieder und „Längere Tage“, erhoben sich dann die ersten Begeisterten  und begannen in dem drei meter breiten Zwischenraum und Reihe 1 zu tanzen. Kann man machen, muss man aber nicht. Ungefähr ab Mabel erhob sich dann der halbe Saal, als wolle er gegen die Bestuhlung protestieren.
Das Konzept geht voll auch, der zweite Teil, und auch die Zugaben, sind keine Verbeugungen mehr sondern HRK pur. Auch das Trio hat jetzt nur noch wenig Gelegenheit, die besondere Note aus der ersten Hälfte durchzusetzen, jedenfalls bis zur Schlussnummer. Die ist, wenn auch dreihundertzwölf Mal gehört, heute für die Ewigkeit. „Ich hab´s versucht“ geht nämlich in voller Stärke über die Bühne. Das markante Solo spielt die Viloline und anschließend gibt  Jens den Startschuss zu einem brillianten Finale furioso und treibt auch mir, der ich den Abend relativ sachlich verfolgt habe, die Begeisterung in die Glieder, die da unten in dieser riesigen Halle schon lange überkocht.

Apropos Halle, ich erwarte von Kalle, der für die Bilder eingeteilt war, dass er diesen Text mit einer Außenaufnahme der Halle anreichert. Reichert? Nein, Reichard. Ja, ein Wortspiel. Manu Reichard, Magdeburgerin und häufiger Gast und oft auch Merch- Beauftragte, hatte mir vor Jahren schon mal erklärt, warum sie zwar gern die halbe Tour begleitet, aber auf die Stadthalle ihrer Heimatstadt gern verzichtet (diesmal übrigens nicht). Diese Halle, so gross sie ist, und so schön sie direkt an der Elbe gelegen ist, versprüht den Charme eines Kriegsbunkers aus dem zweiten Weltkrieg. Auf der Homepage hat man ja eine vergleichsweise schmeichelhafte Ablichtung hinbekommen, aber die Wirklichkeit machte mir Angst.
Von innen übrigens wirkte der Bau, als habe er gestern noch einen SED-Parteitag beherbergt. Riesige Vorhänge in einer Art missglückten beige-Ton an den Wänden hüllen den riesigen Hangar in eine Atmosphäre, dass man zwangsläufig vergessene Honnecker-Bilder an der Wand sucht. Und die zahllosen von der Decke hängenden Beleuchtungsgebilde sehen aus, als habe man 300 nackte Glühbirnen zusammengeklebt.
Merch gabs übrigens diesmal gar nicht, nicht mal „Meisterwerke-CDs. Aber die waren ja in der Tat auch schon im Oktober im Programm.  Das wird auch dadurch verständlich, dass die gebuchten Locations in der Regel inzwischen bemerkenswerte Extra-Mieten aufrufen.

So, ich bin dann wohl durch, wollte aber noch was in eigener Sache sagen. Ach ja, ich bekomme wütende Mails, weil meine Playlist-Serie im Forum immer so spät dran ist. Diesmal habe ich die März-Liste im März gar nicht geschafft und wir haben jetzt Mitte April. Kommt aber noch. Für 3 und 4/17 gibt es eine Doppel-CD-Playlist. Die ist jetzt fast fertig, steht unter dem Motto „Deutschspachig und besonders“ und mußte eben wegen dem erforderlichen Umfang zweitteilig werden, aber zusammen erscheinen.

Bis die Tage, der nächste Text enthält dann auch wieder fette Neuigkeiten.

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