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Kunze A-Z und die Folgen

Verfasst: 06 Apr 2026, 00:10
von MartinB
Hallo liebe Mitverheinzte,

das folgende kann ich nur euch oder einem wirklich guten Psychiater anvertrauen.

Vor einigen Jahren hatte ich mal aus mir selbst nicht mehr nachvollziehbaren Gründen einen Ordner namens "Kunze A-Z" auf meinem Rechner erstellt und diesen der Vorgabe gemäss befüllt. Das heisst, restlos alle Stücke und Sprechtexte von Heinz alphabetisch da reinsortiert, auch von guten Bootlegs, Radiokonzerten und ähnlichem Zeuchs. Das muss 2016 gewesen sein, denn dieses nerdige Archiv enthielt alles bis "Meisterwerke und Verbeugungen". Irgendwann im Januar dieses Jahres war ich mal eine Woche krank, bin eher zufällig über den Ordner "gestolpert" und habe die Gunst der Stunde genutzt, ihn mit allem, was seitdem geschehen ist, (vorläufig) zu komplettieren, also reicht er jetzt bis "Angebot und Nachfrage" und enthält insgesamt 1047 Titel... Die aus meiner Sicht ersten in diesem Ordner enthaltenen Aufnahmen sind vom NDR-Radiokonzert vom 9.12.1981.

Um zu vermeiden, z.B. sämtliche Versionen von "Aller Herren Länder" hintereinander auflisten (und irgendwann hören) zu müssen, habe ich Fantasiebezeichnungen für die ganzen Ländereien ersonnen, um das Stück quasi im Verlauf zu randomisieren. Da gibt es z.B. "Titel" wie "Länder", "Herrenländer", "Rinklins Länder", "RZ Länder" usw., wer will kann ja drüber nachdenken, wie ich darauf jeweils gekommen bin. Ziemlich psychiatrisch, was?

Seit bald sechs Wochen bin ich jetzt dabei, diesen Ordner tatsächlich durchzuhören, und zwar auf meinen Arbeitswegen, die so zwischen 45 und 90 Minuten dauern pro Fahrt, je nach Kompatibilität meiner Dienstzeiten mit den VBN-Fahrplänen und deren Zuverlässigkeit. Heute z.B habe ich alles zwischen "Hallo Deutschland" und "Hinderland" zu hören "geschafft". Nach meiner Hochrechnung müsste ich am 13. Juni gegen 19Uhr27 alles fertig durchgehört haben...

Das macht was mit mir. Kommt z.B. daher, dass Heinz Rudolf Kunze der einzige Künstler ist, dessen Wirken ich konsequent und seit fast 45 Jahren aufmerksamst miterlebe. Kunze ist "Soundtrack of my Life" wie kein anderer. Das funktioniert normal so, dass neuer Heinz-Output stets freudig erwartet, dann zügig erworben und ausgiebigst begutachtet wird. Dann beschäftigt mich die Platte/CD eine ganze Weile, irgendwann hab ich mich dran gewöhnt, dann kommt sie ins CD-Staubsammelregal und wird nur zu besonderen Anlässen irgendwann mal wieder angefasst. Und wenn, dann löst die Musik irgendwas aus, kennwa ja alle...

Und dieses "irgendwas auslösen" erlebe ich bei meiner gegenwärtigen Heinz-Hörstrategie wie nie zuvor. Und das in rasantem Tempo. So ziemlich jedes Stück kickt meinen Assoziationsgenerator dermassen, dass sich ständig neue konkrete Erinnerungen(?) oder was immer das ist irgendwo zwischen meinen Ohren manifestieren, die zuweilen dermassen plastisch daherkommen, dass es mir nahe daran dünkt, etwas wieder zu erleben. Gerüche, Gefühle, Personen, Beziehungen, Befindlichkeiten, Diffusionen... Unterm Strich hyperdimensionale Abbildungen meiner selbst, die ich da (wieder)erlebe. Ich bin erstaunt, was da alles "gespeichert" ist. Ich wusste gar nicht, was ich alles (noch) weiss...

Nagut, ich habe auch den Vorteil, dass ich mich dem regelmässig so ziemlich vollständig hingeben kann, auch deshalb erlebe ich das wohl so intensiv. Ich muss dabei ja nix weiter machen als aus dem Zugfenster kucken... Aber falls es wen interessiert, die Wirksamkeit dieses Effekts kann sicher jeder selbst überprüfen, indem er - wie ich vorhin - z.B. Herzschlagfinale, Hilfe von aussen und Himbeerbaby hintereinander weghört und dabei in sich reinhorcht.

Faszinierend finde ich die sich - mir zumindest - aufdrängende philosophisch/psychiatrische (nichtzutreffendes bitte streichen) Frage, wierum das funktioniert mit dem Musik hören und den Erinnerungen. Momentan kommts mir so vor, als wenn die Musik von Heinz eine Art Medium darstellt, auf dem diese "Daten" gespeichert und von denen aus ich sie wieder abrufe oder von wo aus sie zu mir zurückfliessen.. oder sowas...

Abseits des ganzen psychialosophischen Krams fällt mir auch bewusster denn je auf, wie unterschiedlich die Heinzereien klingen. Jede Platte hat tatsächlich ein eigenes Sound-Design. Erstaunlich, welche Vielfalt Heinz nicht nur vom Inhalt sondern auch von der Darreichungsform her so alles ersonnen hat. Im ZickZackAchterbahn-Modus durchs Gesamt!!werk zu surfen führt nach meiner Erfahrung sogar dazu, dass verschmähte, in den unhörbaren Worst-of-Kunze-Ordner verbannte Sachen, über dieselben "Eigenschaften" verfügen, neuronale? spirituelle? wahnhafte? Prozesse zu induzieren, wie beschrieben. Auch erstaunlich...

Würde mich freuen, wenn es jemandem hier ähnlich geht und Spaß dran hätte, darüber zu berichten oder gar Bock hätte, die aufgeworfenen Fragen irgendwie zu diskutieren.

Und ja, der Vollständigkeit halber, Heinz persönlich kann da gar nichts für und hat da auch kaum was mit zu tun. Ich will hier ja keine Anti-Verschwörungstheorien oder sowas... ok, Herr Doktor... jaja... vielen Dank und bis demnächst...

:roll: :mrgreen: :!: