{"id":36,"date":"2011-03-24T20:09:17","date_gmt":"2011-03-24T20:09:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.wunderkinder.de\/?p=36"},"modified":"2011-03-24T20:09:17","modified_gmt":"2011-03-24T20:09:17","slug":"stadtgarten-in-erfurcht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wunderkinder.de\/?p=36","title":{"rendered":"Stadtgarten in Erfurcht"},"content":{"rendered":"<p>Das neue Album schien nicht unbedingt eine optimale Voraussetzung f\u00fcr  einen unerwartet umwerfenden Abend zu sein. Und die Ank\u00fcndigung des  neuen Veranstaltesr, HRK und Verst\u00e4rkung w\u00fcrden alle Hits spielen, hatte  sich zwar als etwas voreilig herausgestellt, aber eine Drohung f\u00fcr  Altfans war es ja doch auch.<!--more--><br \/>\nIch fuhr also voller Vorfreude, aber  doch mit anderen Erwartungen als in den goldenen 80ern nach Erfurt.  Fr\u00fcher hatte ich die Tage bis zum Konzert regelrecht runtergez\u00e4hlt. Ganz  so euphorisch ist es heute schon deshalb nicht mehr, weil man nach 30  Jahren von keinem K\u00fcnstler mehr erwarten kann, richtig genial \u00fcberrascht  zu werden. Deshalb also routinierte Anreise mit Erwartung eines netten  Abends. Auf gar keinen Fall hatte ich erwartet, dass ich bei meinem  Konzertbericht richtig in die Kiste der Superlative w\u00fcrde greifen  m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aber von vorn.<br \/>\nDer Stadtgarten, in der Tat ziemlich  mittig in der th\u00fcringschen Metrolpole gelegen, war bis in die letzten  Reihen gef\u00fcllt mit dichtgedr\u00e4ngten Besuchern aller Altersschichten von  15 bis 75. Lauter Jubel, als p\u00fcnktlich das Licht ausgeht, und ein  symphonisches Intro startet. Die dunklen Schatten auf der B\u00fchne nehmen  ihre Pl\u00e4tze ein, und starten nach Abbruch des Intros mit Kl\u00e4ngen, die  denen uralter australischen Stadionrocker \u00e4hneln. O.K., es geht also mit  KAMPFZONE MITTE los, wie sich ja l\u00e4ngst rumgesprochen hat. Gute Wahl  und sehr kraftvoll vorgetragen. Es macht gleich richtig Spass. Auch der  zweite Song DA M\u00dcSSEN WIR DURCH ist ein Live-Abr\u00e4umer und strotzt vor  Energie. Danach begr\u00fc\u00dft Heinz die Menge mit einem fr\u00f6hlichen \"Ihr seid  mehr geworden\". Mir fehlt der Vergleich zur letzten Tour, aber der  rammelvolle Stadtgarten d\u00fcrfte in der Tat kurz vor ausverkauft sein. Und  nun steht die erste richtige \u00dcberraschung an. ICH GLAUB DU LIEBST MICH  geh\u00f6rt nicht gerade zu meinen Favoriten, und w\u00e4re, h\u00e4tte ich das Set  zusammengestellt, garantiert durchgefallen. Zu Unrecht, die Jungs  pr\u00fcgeln den auf dem Album so glattgeb\u00fcgelten Blues mit einem rauhen  Charme und einem Groove durch, dass es eine wahre Freude ist. Richtig  geil. Als vierten Song gibt es die eigenen Wege mit neuem Solo, bei dem  J\u00f6rgs Gitarre laut genug gemischt ist, dass man sie in Suhl noch h\u00f6ren  kann. Statt dem eigentlich erwarteten Sprechtext geht es nach einer  kurzen Ansage gleich mit dem dritten neuen St\u00fcck weiter. \"DER STILLE  GAST\" ist auch auf dem Album klasse, davor muss man sich nicht f\u00fcrchten.  Zumal der Song auf der B\u00fchne mehr Atmosph\u00e4re bekommt. J\u00f6rg leitet ihn  fast unscheinbar ein und Heinz singt sehr pr\u00e4gnant dazu. Die Anderen  f\u00fcgen sich erst langsam ein. Das Keyboardsolo macht heute nat\u00fcrlich  Matthias Ulmer. Auf dem Album war er das ja nicht. L\u00c4NGERE TAGE nehme  ich etwas unspektakul\u00e4tet wahr, und als darauf SUSANNE, ES IST AUS  folgt, einen Song den ich weniger mag, bef\u00fcrchte ich allm\u00e4hlich eine  Durststrecke im Konzert, zumal ja auch der Akustikteil demn\u00e4chst  anstehen d\u00fcrfte. Tats\u00e4chlich bekommt Leo f\u00fcr den achten Song sein Cello  gereicht und nimmt Platz. Aber denkste, zusammen mit Heinz am Klavier  und Matthias Ulmer intoniert er WO WAREN WIR STEHENGEBLIEBEN, eine f\u00fcr  mich untersch\u00e4tzte, und erfreulicherweise wieder ausgegrabene  Kunze-Ballade. In dieser B\u00fchnenfassung klingt sie \u00fcbrigens etwas k\u00fchler  und beklemmender.<br \/>\nApropos beklemmend, inzwischen ist der achte Song  durch, und noch kein Sprechtext ward geh\u00f6rt. Nun ist es soweit.  Fukushima ist das Thema, und Heinz beginnt den Text, der vermutlich  ABSCHALTEN hei\u00dfen d\u00fcrfte, mit der Beschreibung eines Disputes zwischen  den Streithanseln Mensch und Natur, und gibt darin wieder, dass die  Natur ja diesmal angefangen hat. Erdbeben sind schlie\u00dflich nicht  menschengemacht. Der Text m\u00fcndet dann aber in eine Abrechnung mit der  Atomkraftlobby, die an den ganz fr\u00fchen HRK erinnert. Und danach gibt es  den passenden Song, an den ich die letzten zwei Wochen \u00f6fter gedacht  hatte, wenn ich Holger Strohms Atomgegnerbibel \"Friedlich in die  Katastrophe\" zur Hand nahm, um mich \u00fcber Leichtwasserreaktoren zu  informieren. Zuletzt 1983 hatte ich ihn live im Konzert erlebt. LAMM  GOTTES in einer versch\u00e4rften, bedrohlichen und ungeheuer eindringlichen  Version. Und nat\u00fcrlich mit dem Schmankerl, an der Stelle wo der dritte  Refrain einsetzen w\u00fcrde, diesen mit aller Wucht instrumental in die  Halle zu schleudern. Ganz gro\u00df. So h\u00e4tte Heinz die Nummer sicher auch  damals gern gespielt, hatte aber nicht Band daf\u00fcr.<br \/>\nNo 10 brachte  dann Zeit zum Verdauen. Dass nicht auf meiner Baustelle befindliche WIE  MAN TANZT UND SINGT, ber\u00fchrte mich eher weniger, obwohl Zoran den Song  mit einem gro\u00dfartigen Solo anreichern darf, welches schwierig zu  beschreiben ist. Danach die Akustiktriologie, die diesmal  gl\u00fccklicherweise ohne Christopher Cross auskommt, sondern sich als Medly  des neuen Albums herausstellt. Die famose SANDUHR, das etwas dr\u00f6ge  JEDER WEI\u00df, und eine wunderbare Version von UNBELIEBT, mit grossem  Chorgesang.<br \/>\nDanach war wieder Zeit f\u00fcr eine 18 Jahre alten Fund, der  die Geilheitsskala wieder durchschlug. VERRATEN UND VERKAUFT mit  verl\u00e4ngertem Intro, etwas schleppender, und ungemein rockig. Auch hier  bekam J\u00f6rgs Gitarre beim Solo wieder soviel Saft, dass er zaubern  konnte. Die Nummer lebte wie noch nie. Und weiter ging es. Der zweite  Sprechtext, der im weitesten Sinn mit optischen Un\u00e4hnlichkeiten von  Hitler und Justin Biber zu tun hatte. Dann ein Neuarrangement von  BRILLE, wiederum mit einem Refrain wie Pete Townshend ihn angelegt haben  k\u00f6nnte. Kompromisslos, wild und befreiend. Die Wirkung entfaltete sich  umso kr\u00e4ftiger, da die Passage um \"Schwalben schneiden durch die Luft\"  recht psychedelisch angelegt war. Und schon folgte das n\u00e4chste  Highlight, bei dem Song etwas unerwartet.  Aber wie klar und gewaltig  dieses \"ICH LIEBE DICH \u00fcber die Halle hereinbrach, das war schon grosses  Kino. Heinz erkl\u00e4rte mir hinterher, dass h\u00e4tte schon auch mit dem  besten Mischer zu tun, den er je hatte, aber davon abgesehen sang er wie  ein junger Gott, und die Nummer r\u00fchrte auch den letzten in der Halle.  Danach wurde es mal f\u00fcr kurze Zeit seicht. Die 100.000 Rosen waren nun  mal unvermeidlich. Ich brauche den Song nicht, aber dem Publikum gefiel  es. Die waren voll dabei. Dann wieder ein archeologischer Fund aus dem  Herz Album. DU WIRST KLEINER WENN DU WEINST d\u00fcrfte auch so um die 20  Jahre keine B\u00fchne mehr erlebt haben.<br \/>\nBis hierhin ein wirklich  unerwartet sch\u00f6nes Konzert mit vielen \u00dcberraschungen. Aber der Hammer  sollte jetzt erst folgen. Ein ganz neuer Song. Komponiert und  einstudiert statt der Generalprobe am letzten Freitag. Heinz hatte den  Text zum Proben mitgebracht, und umgehend war er verarbeitet worde. Eine  Eigendynamik wie sie nur w\u00e4hrend solcher Spontanaktionen m\u00f6glich ist,  wo das Resultat sich fast von selbst zusammenf\u00fcgt. Heraus kam ein  hymnenartiger Kracher von \u00fcberw\u00e4ltigender Qualit\u00e4t. IHR FINDET KEINE  INSEL handelt von dem Hinweis, das auch der letzte und gierigste  geldscheffelnde Atomlobbyist am Ende mitkrepiert. Heinz schreit den  Refrain f\u00f6rmlich raus. Ein Rockviech, ungef\u00e4hr wie damals \"Denn mir sind  widder wer\", die Wiedervereinigungshymne von Bap. Der Song w\u00e4re nicht  nur die beste Nummer des neuen Albums gewesen (egal, wie sehr man ihn  glattgeb\u00fcgelt h\u00e4tte), sondern seit der Prohibition. M\u00f6rderisch Geil.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend  folgten erwartungsgem\u00e4\u00dfe Songs, in teilweise weiterhin \u00fcberraschenden  Versionen. HERZ gab es als Medley, zusammen mit Mabel, und intoniert von  einem l\u00e4ngeren Klavierintro von Heinz. Nach stolzen 21 Titeln und rund 2  Stunden war das regul\u00e4re Set durch, und Erfurt nat\u00fcrlich gierig auf  mehr.<br \/>\nDie erste Zugabe lioef wieder australisch ab. Diesmal eine  ziemlich authentisch klingendes Status Quo-Cover. WHATEVER YOU WANT auf  deutsch. Nicht umwerfend, aber nett. Dann LOLA.<br \/>\nDer zweite Block  begann undefinierbar und entpuppte sich dann als MIT LEIB UND SEELE,  gefolgt von ICH HABS VERSUCHT. Und pl\u00f6tzlich waren mitten im Song ganz  viele Leute auf der B\u00fchne. Die hatten tats\u00e4chlich auch diese endlos oft  immer gleich gespielte Klavierballade aufgepeppt. Jens gab den  Startschuss und das ganze Orchester brach los. Hammer.<br \/>\nDie dritte Zugabe \"SCHAF GUT\" h\u00e4tte ich jetzt nicht gebraucht, aber sie schloss ein grossartiges Konzert nun mal ab.<\/p>\n<p>Das  Licht war \u00fcbrigens auch O.K. Sch\u00f6ne, pr\u00e4gnante Farben. Nicht gerade die  Massenbeleuchtung von Pink Floyd, aber stilvoll. Der Sound mit wenigen  Ausnahmen klasse, das Einfallsreichtum f\u00fcr das Set unerwartet hoch.  Heinz erz\u00e4hlte zwar hinterher, man habe sehr wenig Probezeit gehabt,  aber man kann es angesichts der vielen Schmankerl kaum glaubern. Es  wurden ja nicht nur mal neue Intros an einen Song gebastelt, die dann  nur irgendwer klimpern muss, sondern vor allem innerhalb der altbew\u00e4hrten Titel \u00fcppige Ver\u00e4nderungen vorgenommen, die die gesamte  Band betrafen. Da war man schon sehr fleissig.<br \/>\nDass Heinz, vor allem ab dem zweiten Drittel, h\u00e4ufig die dritte Gitarre beisteuerte, muss ich ja nicht extra erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Tja,  wer jetzt \u00fcberlegt ob er entgegen seines Vorhabens vielleicht doch ein  Konzert aufsucht, dem sei es dringend empfohlen. 2011 gef\u00e4llt mir einen  satten Hieb besser als 2009. Und das hatte ich so nicht erwartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das neue Album schien nicht unbedingt eine optimale Voraussetzung f\u00fcr einen unerwartet umwerfenden Abend zu sein. 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