{"id":48,"date":"2011-08-19T13:52:11","date_gmt":"2011-08-19T13:52:11","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.wunderkinder.de\/?p=48"},"modified":"2011-08-19T13:52:11","modified_gmt":"2011-08-19T13:52:11","slug":"der-sturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wunderkinder.de\/?p=48","title":{"rendered":"Der Sturm"},"content":{"rendered":"<p>Tja, man ist wohl etwas sp\u00e4t mit diesem Bericht. Wen ich jetzt zu einem Besuch \u00fcberrede, der wird mindestens ein Jahr warten m\u00fcssen. Erst die allerletzte Auff\u00fchrung habe ich mit Claudia besucht. F\u00fcr uns war das gut so, da z.B. der vorletzte Abend grandios ins Wasser fiel. Heiner erkl\u00e4rte uns, der Regen sei am Vorabend nahezu waagerecht und mit Wucht ins Freilufttheater gedrungen, sodass gar nichts mehr ging. \u00dcberhaupt ist das Wetter in der aktuellen Spielzeit in Herrenhausen ein ziemliches Ungl\u00fcck. Zwar wird darauf hingewiesen, dass auch bei Regen gespielt wird, allerdings gilt das nur f\u00fcr Regen nach mittelnieders\u00e4chsischer Definition, und nicht f\u00fcr Sturmfluten. <!--more--><\/p>\n<div>Aber kommen wir zum St\u00fcck. Urspr\u00fcnglich hatte Heinz ja nach der Auswahl der Vorlage erkl\u00e4rt, er wolle nach dem \u201cSommernachtstraum\u201d und \u201cWas ihr wollt\u201d nun auch mal einen ernsten Shakespeare machen, aber so ganz hat das nicht geklappt. Gewiss kommt \u201cDer Sturm\u201d nachdenklicher und schicksalhafter daher, wird auch von einer musikalischen Umsetzung getragen, die etwas schwerer und streicherlastiger aufgebaut ist, aber ohne Lacher geht es auch bei diesem St\u00fcck nicht.<br \/>\nVor allem die Idee, den Handlungsort in den Weltraum zu verlegen, und Borkum und Baltrum an Stelle von Mailand und Neapel zu den umk\u00e4mpften L\u00e4ndereien zu erkl\u00e4ren, bietet einen riesigen Fundes an M\u00f6glichkeiten, das oft inszenierte Werk einzigartig (oder auch eigenartig?) zu gestalten. Und so wird Ostfriesentee gereicht, gelegentlich ein bisschen Platt geschnackt, und sich auch mal im knallgelben Regenmantel bewegt.<br \/>\nKorrekterweise sei erw\u00e4hnt, dass die Idee mit der Weltraumverlegung nicht neu ist, das gab es bereits in anderen Inszenierungen, aber eben nicht in dieser spezifischen Weise.Die Musik gibt es diesmal nicht k\u00e4uflich zu erwerben. Und da ich die Songs somit erst einmal geh\u00f6rt habe, w\u00e4re eine umfassende Beurteilung zu voreilig. Aber wie schon bemerkt geben oft die Streicher den Ton an, und zwar in Form von Bratsche und Violoncello. Zweifellos gibt das der Handlung mehr Dramaturgie als bei den Vorg\u00e4ngerst\u00fccken. Heiner hat die stilistische Palette diesmal auch nicht ganz so breit angelegt, wie bei \u201cWas ihr wollt\u201d, wo ja fast Alles drin war, abgesehen vielleicht von einer finnischen Polka.<br \/>\nInsgesamt komme ich als unge\u00fcbter und h\u00f6chst seltener Musicalh\u00f6rer jedenfalls gut klar mit der musikalischen Untermalung, wenngleich ich die ganz gro\u00dfen Songs aus dem weiterhin unerreichten Sommernachtstraum (\u201cDas Kraut\u201d, \u201cWas die dumme Liebe mit uns macht\u201d, \u201cBottichs Traum\u201d und nat\u00fcrlich das fabelhafte Titelst\u00fcck) nicht entdecken konnte.<br \/>\nAuch die Texte m\u00f6chte ich nach einmaligem H\u00f6ren nicht endg\u00fcltig in einer Schublade unterbringen. Von den sprachlichen und spitzfindigen Feinheiten, die bei Heinz nicht \u00fcberraschen werden, mal abgesehen, ist das St\u00fcck sehr gut strukturiert, die \u00dcberg\u00e4nge sind wohl\u00fcberlegt und schl\u00fcssig. Insofern komme ich mit dem \u201cSturm\u201d auch besser klar als mit dem Vorg\u00e4nger, der mir stellenweise zu chaotisch, zu fahrig war. Und auch wenn der Autor samt Komponist das nicht gern h\u00f6ren wird, sie konnten sich mit \u201cWas ihr wollt\u201d nicht v\u00f6llig vom Megaerfolg freimachen, der davor 4 Jahre am St\u00fcck lief. Diesmal ist das Anders. \u201cDer Sturm\u201d darf quasi bei Null anfangen, muss sich nicht messen lassen, und das bekommt ihm vorz\u00fcglich.<\/p>\n<p>Was passieret auf der B\u00fchne? Eines der Effekthighlights l\u00e4uft gleich zu Beginn ab, indem das ulkige Raumschiff aus den hinteren Weiten der B\u00fchne eine Slalomfahrt bis ganz nach vorn hinlegt, sich \u00f6ffnet, und die Besatzung den ersten Song \u201cMayday\u201d schmettert. Eine Passage, die treffsicher an so manchem Abend bereits von unheilvollem Regen begleitet wurde. Nach dem Song parkt das Gef\u00e4hrt dann den gesamten Rest des St\u00fcckes am rechten B\u00fchnenrand.<br \/>\nDer tragende Darsteller ist zugleich der dem breiten Publikum am besten bekannte Mitwirkende. Bernd Tauber, alias Benno Zimmermann, der zur Startbesetzung der Lindenstrasse im Jahr 1985 geh\u00f6rte, und als vermeintlich erster TV-Aidstoter 3 Jahre sp\u00e4ter ausstieg. Gesangseinlagen hatte er in der ARD-Serie zwar auch, aber die waren eher unsch\u00f6n. Was er hingegen in Herrenhausen zeigt, kann sich h\u00f6ren lassen, auch wenn er sich stimmlich nie in h\u00f6here Lagen vorwagt. Er spielt \u00fcbrigens den Prospero, der das gesamte St\u00fcck zusammenh\u00e4lt. Publikumsliebling ist in dieser Spielzeit \u00fcbrigens nicht der Luftgeist Ariel, dessen Rolle \u00c4hnlichkeiten zum Puck aufweist, sondern ein bemitleidenswertes Fellb\u00fcndel namens Taliban. Die eindrucksvollste weibliche Rolle spielt diesmal nicht meine eigentliche Favoritin Mirja Regensburg, die mit der Hexe Syntax eine eher kleine und suspekte Rolle abbekommen hat, sondern Prospero\u00b4s Tochter Mirakula, gespielt von Milica Jovanovic. Sie steuerte auch die eindrucksvollste Gesangsstimme bei.<\/p>\n<p>In Sachen B\u00fchnenbild wurde auf bew\u00e4hrte Faktoren gesetzt. Die Tiefe der Herrenh\u00e4user Naturb\u00fchne wurde einmal mehr genutzt, um Auftritte aus der Ferne zu inszenieren und wundersch\u00f6ne Beleuchtungsfiguren einzusetzen. Zun\u00e4chst in den 80 Minuten bis zur Pause bei langsam nachlassender Helligkeit sparsamer, dann im zweiten Teil bei schnell einsetzender v\u00f6lliger Dunkelheit mit gro\u00dfartigen Bildern. \u00dcber die in dieser Hinsicht fantastischen M\u00f6glichkeiten der Herrenh\u00e4user B\u00fchne verliere ich keine Worte mehr.<\/p>\n<p>Einige Minuten nach dem St\u00fcck konnte man zahlreiche Darsteller am Getr\u00e4nkestand aus der N\u00e4he begutachten, so man sie ohne Kost\u00fcm wiederzuerkennen vermochte. Ich konnte grad noch verhindern, dass Claudia den Bernd Tauber mit der von ihm meistgehassten Frage bel\u00e4stigte, n\u00e4mlich ob er seinen fr\u00fchen Ausstieg aus der Lindenstrasse bereut habe.<br \/>\nEs hat \u00fcbrigens einen Nachteil wenn man nach der Auff\u00fchrung noch etwas am Veranstaltungsort verbleibt. Wenn man sich dann n\u00e4mlich Richtung Ausgang aufmacht, ist das gro\u00dfe Eingangstor verschlossen. Man irrt dann etwas durch die Dunkelheit, und legt sich dabei auf die Nase, bevor man zur Sperrvorrichtung am Seiteneingang gelangt, durch die man das Gel\u00e4nde verlassen kann.<\/p>\n<p>Ob der \u201cSturm\u201d im n\u00e4chsten Jahr auf dem Spielplan steht, ist noch gar nicht entschieden. Sollte die Saison wieder zweiteilig gestaltet werden (momentan l\u00e4uft ja noch bis in den September wieder der Sommernachtstraum), ist davon aber sicher auszugehen. Und da w\u00e4re ich dann auch gerne wieder dabei.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tja, man ist wohl etwas sp\u00e4t mit diesem Bericht. Wen ich jetzt zu einem Besuch \u00fcberrede, der wird mindestens ein Jahr warten m\u00fcssen. Erst die allerletzte Auff\u00fchrung habe ich mit Claudia besucht. F\u00fcr uns war das gut so, da z.B. der vorletzte Abend grandios ins Wasser fiel. 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