{"id":519,"date":"2015-05-28T16:37:24","date_gmt":"2015-05-28T16:37:24","guid":{"rendered":"http:\/\/wunderkinder.de\/?p=519"},"modified":"2015-05-28T16:37:24","modified_gmt":"2015-05-28T16:37:24","slug":"spottlight-50-v-28-5-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wunderkinder.de\/?p=519","title":{"rendered":"Spottlight #50 v. 28.5.15"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>So sehen wir ihn am siebten Tag<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es ist ein erstaunlicher Zufall, dass die beiden, mit hoher Wahrscheinlichkeit interessantesten Neuver\u00f6ffentlichungen dieses Jahres, an ein und dem selben Tag erscheinen. Und wenn man mir \"Tiefensch\u00e4rfe\" nicht bereits vorab zug\u00e4nglich gemacht h\u00e4tte, w\u00e4re das ein chaotisches Wochenende gewesen.<\/p>\n<p>\"Tiefensch\u00e4rfe\" habe ich ja an anderer Stelle ausf\u00fchrlich gew\u00fcrdigt. Dass ich das nun mit dem anderen Album auch machen m\u00f6chte, mag an diesem Ort zun\u00e4chst verwundern. Aber nur kurz. Es gibt n\u00e4mlich einen ganz dicken Querverweis zu einem der f\u00fcr mich eindrucksvollsten HRK-Songs \u00fcberhaupt.<br \/>\nEs geht um Steven Wilson\u00b4s neue Platte \"Hand. Cannot. Erase.\" und es geht um \"Das Ultimatum\". Obwohl man davon ausgehen darf, dass Wilson \"Das Ultimatum\" sicher nicht kennt, hat er eine Art \u00dcbersetzung in die Zeit der neuen Medien gefertigt, und das auf Albuml\u00e4nge.<\/p>\n<p><em><strong><a href=\"https:\/\/wunderkinder.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DreamsOfALife3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-524\" src=\"https:\/\/wunderkinder.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DreamsOfALife3-300x214.jpg\" alt=\"DreamsOfALife3\" width=\"300\" height=\"214\" \/><\/a><\/strong><\/em>Impulsgeber f\u00fcr das Meisterwerk \u00fcber eigenverantwortliche Entfremdung und Ausgrenzung, dass sich m\u00f6glicherweise mit gr\u00f6\u00dferer Berechtigung als je zuvor ein Album als Konzeptalbum pr\u00e4sentiert, war eine Doku der BBC mit Namen \"Dreams Of A Life\", in der versucht wurde, das Leben und Sterben der Joyce Carol Vincent darzustellen. Eine urspr\u00fcnglich lebenslustige und beliebte Enddrei\u00dfigerin mit zahlreichen Freunden, Kollegen, Bekannten und Verwandten. Eine Frau aber auch, die \u00fcber 2 Jahre tot in ihrer Wohnung lag, ohne vermisst zu werden. Der Gerichtsvollzieher hatte wegen Mietr\u00fcckst\u00e4nden das Appartment aufbrechen lassen. Den Tod fand sie zwar nicht durch Suizid, sondern vermutlich durch einen Asthmaanfall (die Obduktion gestaltete sich extrem schwierig, zumal die Heizung in der Wohnung all die Zeit aufgedreht war), aber von einem \"Ultimatum an die Welt\" wie es bei HRK hei\u00dft, kann man hier auch sprechen.<\/p>\n<p>Wilson erz\u00e4hlt die Geschichte nun allerdings nicht nach. Ihn besch\u00e4ftig vor allem der Weg in diese selbstgew\u00e4hlte Isolation, die lange vor dem Tod von der Frau Besitz ergriffen hatte. Der Tod kommt bei ihm nicht vor. Vielmehr beschreibt es die Ausl\u00f6schung eines Menschen, der immer ein bi\u00dfchen mehr verschwindet. Und das skizziert HRK im \"Ultimatum\" ja durchaus auch, und verdeutlicht es mit einer einigerma\u00dfen ersch\u00fctternden \"Zur\u00fccknahme der Sch\u00f6pfungsgeschichte\" (die nicht nur als Idee einzigartig sein d\u00fcrfte, sondern auch in der Ausgestaltung unfassbar anschaulich und schl\u00fcssig dargeboten wird. Eben eigentlich auch als komplettes Konzeptalbum in nur f\u00fcnf Minuten).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man hier aufgrund der Erz\u00e4hlform immerhin noch ein wenig auf Distanz gehen kann (so sehen wir ihn am zweiten Tag...), w\u00e4hlt Wilson die Ich-Form, und bindet sie in eine musikalische Umsetzung solcher Dichte ein, dass dem H\u00f6rer fortlaufend der Atem stockt. Man f\u00e4hrt quasi auf einer Achterbahn, die keine Runden beschreibt, sondern auf einem toten Gleis ins Nichts f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Mich hat HRK\u00b4s \"Ultimatum\" eigentlich seit jeher besch\u00e4ftigt. Ich spiele den Song auch sehr gern selbst, wobei ich irgendwann darauf verfallen bin, dem Song mit von Strophe zu Strophe aggressiveren Gitarreneffekten Dramatik einzufl\u00f6\u00dfen (mein dilettantisches Gitarrenspiel tut sein \u00dcbriges), um die siebte Strophe dann betont locker und leicht vorzutragen, was denn abrupten Schluss betont..<br \/>\n<a href=\"https:\/\/wunderkinder.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/QED.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-531\" src=\"https:\/\/wunderkinder.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/QED-300x212.jpg\" alt=\"QED\" width=\"300\" height=\"212\" \/><\/a>Trotzdem fehlte mir immer die Vorgeschichte, was diesen Typen denn veranla\u00dft haben k\u00f6nnte, sich dieser Konsequenz zu stellen. Dass er sie schlie\u00dflich auch zieht, kann man ahnen, denn der fr\u00fche HRK hatte nicht unbedingt ein Faible f\u00fcr Happy Ends.<br \/>\nVermutlich gibt es diese Vorgeschichte gar nicht, da es sich ja letztlich um ein Experiment handelt. Aber so schr\u00e4g und abwegig, wie mir die Erz\u00e4hlung als Siebzehnj\u00e4hrigem zun\u00e4chst vorkam, ist sie sicher nicht.<\/p>\n<p>Wilson liefert nicht nur eine Vorgeschichte, er f\u00fchrt sie uns unaufdringlich, aber auch haarstr\u00e4bend nah vor Augen, sodass wir uns selbst in diesem Tunnel wiederfinden. Ein Tunnel voller Reiz\u00fcberflutung. Sogenannte soziale Medien, Smartphones, die l\u00e4ngst die Macht \u00fcber uns erlangt haben, Unterschichten-TV, Scripted Reality, legale und illegale Drogen, Scheinwelten, die Spa\u00dfgesellschaft mit verordnetem Spa\u00df. Mitten im Album kommt man pl\u00f6tzlich auf die Idee, DER MEINT MICH.<\/p>\n<p>Es mag tats\u00e4chlich wie eine \u00dcbersetzung des HRK-Anliegens in eine andere Zeit wirken. Wie eine inspirierte Fortsetzung, ein Update.<br \/>\nDer unaufhaltsamen Weg in die Katastrophe, nur mit anderen Mitteln. Beide skizzieren einen zunehmenden Kontrollverlust. Bei HRK vor allem k\u00f6rperlich (\"zum Lesen sind die Augen viel zu wund\"), aber nat\u00fcrlich auch in aufkommender Verzweiflung, bei Wilson in Form von Realit\u00e4rsverlust, Desinteresse und Selbstaufgabe.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich weist auch noch das Schlu\u00dfkapitel Parallelen auf, obwohl sich hier die Wege getrennt haben. Ein letztes Aufb\u00e4umen geht der unvermeidlichen Konsequenz voraus. Bei HRK anschaulich und pr\u00e4gnant, bei Wilson mit der letzten Zeile eines Briefes an den Bruder, in dem es hei\u00dft \"So I\u00b4ll Finished This Tomorrow\".<\/p>\n<p>Wilson ist ein Perfektionist. Obwohl ein absoluter Workaholic mit zahllosen Projekten, und von Bands wie Yes, King Crimson, Jethro Tull, aber auch 80er-Gr\u00f6\u00dfen wie Tears for Fears oder Simple Minds fast im Akkord gebuchtes Mastering-Genie f\u00fcr Reissues, hat er f\u00fcr diese Produktion mehr Zeit investiert, als sonst f\u00fcr f\u00fcnf Alben zusammen, weil er die totale Kontrolle haben wollte. So ist zusammen mit seinem langj\u00e4hrig zuarbeitenden Fotok\u00fcnstler Lasse Hoile auch eine schwere Buch-Edition entstanden, die die Story gro\u00dfartig bebildert. Wem die 80 Euro zu viel sind, der bekommt diese Bilder auch wenn er den 5.1-Mix auf der DVD-Edition visuell verfolgt.<\/p>\n<p>Notizen zur Einordnung in Wilsons Gesamtwerk spare ich mir hier. Wer das vertiefen m\u00f6chte, findet im Netz Material f\u00fcr viele Wochen. HCE ist nicht nur in vielerlei Beziehung ein Meilenstein, es haben sogar ungew\u00f6hnlich viele Menschen (jedenfalls f\u00fcr dieses Genre) mitbekommen. Die Tour war sehr schnell ausverkauft, sodass es im Winter eine Fortsetzung gibt (u.a. im Haus Auensee)... <a href=\"http:\/\/www.wunderkinder.de\/forum\/viewtopic.php?f=47&amp;t=2185#p17474\" target=\"_blank\">zur Spottlight-Seite im Forum<\/a><\/p>\n<p>So, das war nun also endlich die #50. Damit schlie\u00dft die Kolummne aber nicht etwa. Die Zeitr\u00e4ume zwischen den Ver\u00f6ffentlichungen werden lediglich noch etwas unberechenbarer.<\/p>\n<p>Bis bald...<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sehen wir ihn am siebten Tag Es ist ein erstaunlicher Zufall, dass die beiden, mit hoher Wahrscheinlichkeit interessantesten Neuver\u00f6ffentlichungen dieses Jahres, an ein und dem selben Tag erscheinen. 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