Spottlight #56 vom 2.10.17

„SOLO“…….Phase 2

Diesen Abend hätte man mitschneiden müssen. Das Set wird so sicher nie wieder zu hören sein. Die Magie des Augenblicks, die Konstellation, unter der alles passt. Theoretisch reproduzierbar, praktisch aber zum Scheitern verurteilt.

Isernhagen, 15.9.2017. HRK mit seinem Solo-Programm im ausverkauften Isernhagenhof. Hm, war da nicht was? Oh ja, dort fand nämlich am 1.10.2015 bereits eines der ersten „Solo“-Konzerte statt. Ich hatte seinerzeit hier auch mit großem Vergnügen darüber berichtet. Mein „Solo“-Debüt. Zudem ja ein Heimspiel, Heinz wohnt nur 7 km entfernt und spielt also quasi im weiteren Sinn vor Nachbarn. Ihr ahnt was jetzt kommt?
Es ist ja ohnehin bekannt, dass Heinz gern mal sein Programm variiert, neue Sachen ausprobiert, gerade geschriebene Texte einstreut. Das „Solo“-Programm hat er aber um feststehende Eckpfeiler gestrickt, die bis zu diesem Abend das Korsett bildeten. So viel Raum war da gar nicht für nennenswerte Veränderungen.
Nun war aber klar, dass der veranstaltende Kulturverein mit zahlreichen Abonnenten und lokalen Gästen ein Publikum stellen würde, dass dem von vor 2 Jahren ziemlich gleicht. Und das war für Heinz Ansporn und Gelegenheit, mal richtig in die Kiste der Überraschungen zu greifen. Und so strickte er ein Set, dass den kundigen Altfan von einer Verzückung in die nächste trieb, dabei aber auch alle anderen Besucher restlos zufrieden zurückließ. Dem Publikum unterlief nur ein Fehler, aber dazu später mehr.

OK, zur Sache. Heinz kommt auf die Bühne, nimmt Platz, und trägt den allerletzten Text aus „Schwebebalken“ vor. Da er keine Überschrift hat, nennen wir ihn „John“. Das Publikum hat Freude, wird dann aber vom ersten Song in einen beklemmenden Bann gezogen. Das ist nämlich überraschenderweise „Es ist Krieg“. Meines Wissens nie zuvor gespielt. Unheimlich intensiv, nur Heinz seine Stimme und die Gitarre füllen diese zum Konzertsaal umgebaute Scheune mit toller Akkustik mit der hoffnungslosen Rhetorik über Verhaftungen ohne jeden Grund, schmierige Frisöre und an Laternen hängenden Präsidenten.
Das saß schon mal, der nächste Text, auch aus Schwebebalken, ist die Geschichte von der kaputten Leselampe, dann folgt „In der Mitte der Sanduhr“. Was für ein Auftakt. Der dritte Text, auch aus dem aktuellen Buch, ist der Dialog über den Partnertausch mit Arzt. Dann „Leg nicht auf“, das erste Stück aus dem Solo-Stammprogramm.
Der vierte Text dürfte relativ neu sein, wie ganz viele die noch folgen würden. Es geht um ZDF-Krimis auf NEO, insbesondere die Folgen von „Der Alte“ mit Rolf Schimpf. Der Text enthält einen Dialog, der laut Einleitung in jeder Folge auftritt und im Dutzend den Ausruf „Ich weiß nicht“ enthält. Es folgt die Räuberzivil-Nummer „Der Kartenleger“.
Der nächste Text ist schon etwas älter, heißt „Jeder Mann“ und leitete schon vor 10 Jahren das wunderbare „Alaska Avenue“ ein, das Heinz nun erstmals allein spielt. Danach „Immer noch besser als Arbeiten“, auch nicht im normalen „Solo“-Programm, aber bei den Promo-Rundfunkkonzerten zu „Deutschland“ schon gehört.
Heinz wechselt übrigens zwischen drei Gitarren und variiert auch gelegentlich über Effekte und Lautstärke den Klang, so folgt einem Text über eine TV-Küchenschlacht mit dem Motto „Kochen in der DDR“ das traumhafte „So wie du bist“ mit einer fein dosierten Portion Flanger. Und da die Räuberzivil-Songs fast die Hälfte des Abends abdecken, gibt es darauf eine brillant klingende Version von „Brot aus Gold“.
Der nächste Text kommt aus der Heilanstalt und heißt vermutlich „Ich bin die Beatles“ und bevor es zum Klavier geht kommt das Mundharmonikagestell zum Einsatz für „Aller Herren Länder“. Den Wechsel zum Flügel, unter Mitnahme aller Unterlagen, nutzt das Publikum für einen tosenden Applaus für den es bisher immer nur sehr begrenzt Zeit hatte.
Auch die erste Piano-Strecke beginnt mit einem Text in dem es um das Überfahren von Fußgängern geht. Der Rückgriff aufs allererste Album fördert heute auch eine andere Auswahl zu Tage, nämlich die „Romanze“. Übrigens das erste Lied, das ich von Heinz damals im TV gehört habe, seinerzeit bei Bio´s Bahnhof. Auch da mit fulminanter Wirkung. Aber einige Jahrzehnte später beherrscht Heinz seine Stimme in ganz anderer Weise, kann mit Volumen, Tempogefühl und Technik mehr Ausdruck und Intensität in den Saal tragen.
„Ich bin keiner von euch“, ein Text gegen Vereinnahmung, kündigt die nächste, nur in der Räuberzivil-Quartett-Fassung wenige Male aufgeführte Nummer an, die Heinz aus mehr oder weniger aktuellem Anlass ausgesucht haben dürfte. „Willkommen liebe Mörder“ hat es schließlich zu einer gewissen Prominenz bei Facebook gebracht, wo seit geraumer Zeit Wutbürger nicht wahrhaben wollen, dass sie einem Missverständnis aufgesessen sind. Die Klavier-only-Fassung besticht durch überwiegend gehämmerte Akkorde. Nach dem Song stellt Heinz zur Ausräumung allerletzter Irrtümer klar, was der Einleitungstext bereits verdeutlicht hatte, dass dieser Song nicht Frauke Petry, sondern Beate Tschäpe gewidmet ist.
Wer nun doch angesichts „Willkommen liebe Mörder“ ein bisschen verwirrt wurde, dem kann der nächste Song wieder in die Spur verhelfen. Für mich von allen Überraschungen des Abends die zweitgrößte. Und zwar „Jeder bete für sich allein“. Und jetzt muss ich mal einen Exkurs machen. Erinnert ihr euch an die Diskussion im Forum, angesichts der spartanischen Vorproduktion zum „Deutschland-Album“, die Heinz mit Peter Pichl gemacht hatte. Und nach deren Veredelung Peter Heinz mit der Wahrnehmung einer deprimierenden Melancholie erschreckte. Diese Ein-Mann-Demos haben ohne Frage angeschoben und motiviert, dass Heinz inzwischen mit nahezu allen Albumtiteln allein auf die Bühne geht. Sich traut, einen Song, bei dem das kaum möglich erscheint, ganz nackt aufzuführen. Und damit eine viel direktere und ursprünglichere Wirkung zu erzeugen. Gerade und vor allem bei „Jeder bete“ wird das provokative Element ja viel eindringlicher.
Einem kurzen Sprechtext folgt sogleich die Einleitung zum nächsten Stück aus „Deutschland“, wohlbekannt von den Rundfunkkonzerten. Die wunderschöne „In der alten Piccardie“. Danach kehrt ein wie aus dem Wasser gezogener Heinz, der das Programm auch heute ohne Pause aufführt, zu seinen Gitarren zurück.
Es folgt das „Lied für Berlin“, bei dem ich mir noch denke, dass ich lieber „Regen in Berlin“ gehabt hätte. Ein Text der in einem Atombunker spielt schließt sich „Elixier“ an. Und nach dem Text aus „Schwebebalken“, in dem es heißt „Kinder die was wollen – kriegen was auf die Bollen“, bekommen wir den wohl dritt-unerwarteten Song des Abends geboten. Ein Textmonstrum mit stattlicher Länge und hochunterhaltsamen Lyrics, „Mein Anwalt und ich“.
Meine Notiz zum nächsten Sprechtext kann ich nicht lesen, und dann bekommt das Publikum einen der ganz seltenen Airplay-Kracher des Abends, nämlich „Meine eigenen Wege“. Der nächste Sprechtext handelt von einem Jogging Anzug der Größe 649 und mit „Wenn du sie siehst“ kommt ein Song zum Einsatz, der bereits in einem halben Dutzend verschiedener Versionen und Besetzungen erprobt wurde.
Es ist wieder Zeit fürs Klavier. Zuerst ein neues gesprochenes Gedicht und dann wieder eine Überraschung aus dem letzten Bandalbum. „Nur eine Fotografie“ gehört ja für die meisten zu den zwei, drei unscheinbarsten Liedern der Platte. Aber heute Abend ist das Lied ein Anderes und teilt sich bildhafter und irgendwie größer mit. Der Hörer ist einfach besser im Thema.
Aus dem nächsten Sprechtext muss ich kurz zitieren. Seine Kernaussage ist, dass man mit Musikerkollegen kein Mitleid haben soll. Aber es gibt zwei Ausnahmen ihre Namen betreffend. Einmal die Gruppe Wind und Cindy & Bert. Bert lebt ja nun nicht mehr, und Heinz hatte im Sächsischen ein Plakat gesehen, auf dem für ein Schlagerfestival allen Ernstes folgende Ankündigung stand: „Cindy & Bert – jetzt ohne Bert“.
Dem Lachflash folgt „Lisa“, virtuos und einnehmend, und wieder der Instrumentenwechsel. Die Intervalle werden kürzer, Heinz muss jetzt auch noch Kilometer machen. Und sich auspowern. Jetzt kommt das Groovemonster „Deutschland“.
Der Künstler steht inzwischen fast in einer Pfütze, der Saal ist nach inzwischen weit über 2 Stunden in Ekstase, aber irgendwie will der da vorn offenbar bis morgen früh durchspielen. Oder doch nicht? Wieder am Klavier kommt etwas mehr als Vertrautes, etwas, mit dem man so ein Set durchaus beenden könnte. Und so ist es auch. „Herz“ schließt ein megaaufregendes Programm zunächst mal logisch ab. Jubel, Verbeugungen, Standing Ovations, Abgang, Zugabegebrüll.
Nun, ich hatte jetzt noch ein paar nicht unbedingt benötigte Klassiker wie „Lola“, „Mit Leib und Seele“, Ich habs versucht“ oder die „Bestandsaufnahme einschl. Harmonika“ erwartet, aber sicher nichts mehr, was aus dem Sessel reißt. Aber manchmal macht man die Rechnung ohne den Künstler. Mitten in das jubelnde Volk hinein kommt jetzt nämlich der Hammer des Abends. Ich hatte mit vielem nicht gerechnet, aber was jetzt passiert, konnte ich überhaupt nicht fassen. Heinz spielt ein Klavierintro, und es entpuppt sich als „Die Letzten unserer Art“.
Was geht denn hier ab? Ich liebe die Nummer und ihr großartiges Arrangement in der Bandfassung. Und jetzt spielt Heinz das Ding solo. Düster, resigniert, mahnend, geschlagen. Ein Traum. Ganz grandios. Und ich bin dabei.
Apropos geschlagen. Vorhin hatte ich noch daran gedacht, jetzt gibt es „Regen in Berlin“ tatsächlich auch noch obendrauf. Die Songs trennen 35 Jahre, aber jetzt sind sie sich so nah. Das Leben wird vorbeigewinkt.
Der zweite Zugabenblock konzentriert sich auf bekannte Kost und Gitarre. Zuerst „Mabel“, dann „Blowin´ in the Wind“ mit unvermeidlichem Harmonika-Solo. Dann wieder Standing Ovations, Verbeugungen, Abgang. Und dann der schwere Fehler den ich am Anfang erwähnte. Der Abend war lang, der nächste Tag ein Arbeitstag, und der Künstler zum Auswringen verschwitzt. Eine Handvoll Besucher vermutete das Ende der Veranstaltung und strebte dem Ausgang entgegen, wohl auch um zügig vom Parkplatz zu kommen, von dem nur ein Nadelöhr herunterführt. Auch die restlichen 95% der Besucher deuten das als Signal für das Veranstaltungsende und brachen den tosenden Applaus zögernd, aber deutlich wahrnehmbar ab.
Heinz war angesichts seines Feierabends zwar weder unglücklich noch beleidigt, bestätigte aber in der Garderobe, dass er selbstverständlich noch Einiges parat gehabt hätte. Und zwar auch, hier stockte mir der Atem, den „Kakadu“.
Ich will ja nicht hadern, dass wäre angesichts dieses überwältigend zusammengestellten Programms absurd, aber ob die Chance noch mal wiederkommt, darf bezweifelt werden. Satte 26 Songs, von denen ungefähr 20 weitgehend unerwartet, und etwa 12 umwerfend überraschend anmuteten. Dazu ein gutes Dutzend neuer Texte und ein halbes Dutzend aus dem hinterlegten Regel. Heinz hatte vorher ein bisschen Sorge, ob dieses neu zusammengestellte Programm so funktionieren würde wie das von festen Säulen getragene Gerüst des A-Sets, aber daran kann es keinen Zweifel geben. Und der Hardcore-Fan, der es gern durchgeknallt und speziell hat, der war sowieso völlig geflasht.
Klar auch, dass Heinz es genossen hat, sich dieses Programm auszudenken, es vorzubereiten, und auf diese Bühne zu bringen. Aber das A-Set wird natürlich das A-Set bleiben. Atmend und mit Variationen zwar, aber eben doch wesentlich weniger experimentell.
So, ich mache jetzt auch Feierabend. Bis bald…

kommende Termine siehe    http://heinzrudolfkunze.band/termine/solo

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