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Der Sturm

Tja, man ist wohl etwas spät mit diesem Bericht. Wen ich jetzt zu einem Besuch überrede, der wird mindestens ein Jahr warten müssen. Erst die allerletzte Aufführung habe ich mit Claudia besucht. Für uns war das gut so, da z.B. der vorletzte Abend grandios ins Wasser fiel. Heiner erklärte uns, der Regen sei am Vorabend nahezu waagerecht und mit Wucht ins Freilufttheater gedrungen, sodass gar nichts mehr ging. Überhaupt ist das Wetter in der aktuellen Spielzeit in Herrenhausen ein ziemliches Unglück. Zwar wird darauf hingewiesen, dass auch bei Regen gespielt wird, allerdings gilt das nur für Regen nach mittelniedersächsischer Definition, und nicht für Sturmfluten.

Aber kommen wir zum Stück. Ursprünglich hatte Heinz ja nach der Auswahl der Vorlage erklärt, er wolle nach dem “Sommernachtstraum” und “Was ihr wollt” nun auch mal einen ernsten Shakespeare machen, aber so ganz hat das nicht geklappt. Gewiss kommt “Der Sturm” nachdenklicher und schicksalhafter daher, wird auch von einer musikalischen Umsetzung getragen, die etwas schwerer und streicherlastiger aufgebaut ist, aber ohne Lacher geht es auch bei diesem Stück nicht.
Vor allem die Idee, den Handlungsort in den Weltraum zu verlegen, und Borkum und Baltrum an Stelle von Mailand und Neapel zu den umkämpften Ländereien zu erklären, bietet einen riesigen Fundes an Möglichkeiten, das oft inszenierte Werk einzigartig (oder auch eigenartig?) zu gestalten. Und so wird Ostfriesentee gereicht, gelegentlich ein bisschen Platt geschnackt, und sich auch mal im knallgelben Regenmantel bewegt.
Korrekterweise sei erwähnt, dass die Idee mit der Weltraumverlegung nicht neu ist, das gab es bereits in anderen Inszenierungen, aber eben nicht in dieser spezifischen Weise.Die Musik gibt es diesmal nicht käuflich zu erwerben. Und da ich die Songs somit erst einmal gehört habe, wäre eine umfassende Beurteilung zu voreilig. Aber wie schon bemerkt geben oft die Streicher den Ton an, und zwar in Form von Bratsche und Violoncello. Zweifellos gibt das der Handlung mehr Dramaturgie als bei den Vorgängerstücken. Heiner hat die stilistische Palette diesmal auch nicht ganz so breit angelegt, wie bei “Was ihr wollt”, wo ja fast Alles drin war, abgesehen vielleicht von einer finnischen Polka.
Insgesamt komme ich als ungeübter und höchst seltener Musicalhörer jedenfalls gut klar mit der musikalischen Untermalung, wenngleich ich die ganz großen Songs aus dem weiterhin unerreichten Sommernachtstraum (“Das Kraut”, “Was die dumme Liebe mit uns macht”, “Bottichs Traum” und natürlich das fabelhafte Titelstück) nicht entdecken konnte.
Auch die Texte möchte ich nach einmaligem Hören nicht endgültig in einer Schublade unterbringen. Von den sprachlichen und spitzfindigen Feinheiten, die bei Heinz nicht überraschen werden, mal abgesehen, ist das Stück sehr gut strukturiert, die Übergänge sind wohlüberlegt und schlüssig. Insofern komme ich mit dem “Sturm” auch besser klar als mit dem Vorgänger, der mir stellenweise zu chaotisch, zu fahrig war. Und auch wenn der Autor samt Komponist das nicht gern hören wird, sie konnten sich mit “Was ihr wollt” nicht völlig vom Megaerfolg freimachen, der davor 4 Jahre am Stück lief. Diesmal ist das Anders. “Der Sturm” darf quasi bei Null anfangen, muss sich nicht messen lassen, und das bekommt ihm vorzüglich.

Was passieret auf der Bühne? Eines der Effekthighlights läuft gleich zu Beginn ab, indem das ulkige Raumschiff aus den hinteren Weiten der Bühne eine Slalomfahrt bis ganz nach vorn hinlegt, sich öffnet, und die Besatzung den ersten Song “Mayday” schmettert. Eine Passage, die treffsicher an so manchem Abend bereits von unheilvollem Regen begleitet wurde. Nach dem Song parkt das Gefährt dann den gesamten Rest des Stückes am rechten Bühnenrand.
Der tragende Darsteller ist zugleich der dem breiten Publikum am besten bekannte Mitwirkende. Bernd Tauber, alias Benno Zimmermann, der zur Startbesetzung der Lindenstrasse im Jahr 1985 gehörte, und als vermeintlich erster TV-Aidstoter 3 Jahre später ausstieg. Gesangseinlagen hatte er in der ARD-Serie zwar auch, aber die waren eher unschön. Was er hingegen in Herrenhausen zeigt, kann sich hören lassen, auch wenn er sich stimmlich nie in höhere Lagen vorwagt. Er spielt übrigens den Prospero, der das gesamte Stück zusammenhält. Publikumsliebling ist in dieser Spielzeit übrigens nicht der Luftgeist Ariel, dessen Rolle Ähnlichkeiten zum Puck aufweist, sondern ein bemitleidenswertes Fellbündel namens Taliban. Die eindrucksvollste weibliche Rolle spielt diesmal nicht meine eigentliche Favoritin Mirja Regensburg, die mit der Hexe Syntax eine eher kleine und suspekte Rolle abbekommen hat, sondern Prospero´s Tochter Mirakula, gespielt von Milica Jovanovic. Sie steuerte auch die eindrucksvollste Gesangsstimme bei.

In Sachen Bühnenbild wurde auf bewährte Faktoren gesetzt. Die Tiefe der Herrenhäuser Naturbühne wurde einmal mehr genutzt, um Auftritte aus der Ferne zu inszenieren und wunderschöne Beleuchtungsfiguren einzusetzen. Zunächst in den 80 Minuten bis zur Pause bei langsam nachlassender Helligkeit sparsamer, dann im zweiten Teil bei schnell einsetzender völliger Dunkelheit mit großartigen Bildern. Über die in dieser Hinsicht fantastischen Möglichkeiten der Herrenhäuser Bühne verliere ich keine Worte mehr.

Einige Minuten nach dem Stück konnte man zahlreiche Darsteller am Getränkestand aus der Nähe begutachten, so man sie ohne Kostüm wiederzuerkennen vermochte. Ich konnte grad noch verhindern, dass Claudia den Bernd Tauber mit der von ihm meistgehassten Frage belästigte, nämlich ob er seinen frühen Ausstieg aus der Lindenstrasse bereut habe.
Es hat übrigens einen Nachteil wenn man nach der Aufführung noch etwas am Veranstaltungsort verbleibt. Wenn man sich dann nämlich Richtung Ausgang aufmacht, ist das große Eingangstor verschlossen. Man irrt dann etwas durch die Dunkelheit, und legt sich dabei auf die Nase, bevor man zur Sperrvorrichtung am Seiteneingang gelangt, durch die man das Gelände verlassen kann.

Ob der “Sturm” im nächsten Jahr auf dem Spielplan steht, ist noch gar nicht entschieden. Sollte die Saison wieder zweiteilig gestaltet werden (momentan läuft ja noch bis in den September wieder der Sommernachtstraum), ist davon aber sicher auszugehen. Und da wäre ich dann auch gerne wieder dabei.